Auszüge aus dem Buch Schach in Württemberg von Eberhard Herter. Das Buch ist auch mit freundlicher Genehmigung des Verlags und des Autors zum Download verfügbar.
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Ludwig Bachmann
 Der Chronist Ludwig Bachmann 
Von seinem Klassiker „Aus vergangenen Zeiten" ist für uns vor allem der 
zweite Band interessant: Das Schachleben in Deutschland in der Zeit 1835 - 
1860 [102]. Abgesehen von kurzen Bemerkungen betr. Stuttgart ist allerdings 
bei Württemberg weitgehend Fehlanzeige. 
Zweifellos  werden die Schachjahrbücher, die Bachmann ab 1897 herausgegeben 
hat, für die württembergische Chronik wertvolle Informationen liefern, leider 
hatte ich diese Bücher bis heute noch nicht zur  Verfügung. 
Ludwig Bachmann 
*  11.8.1856 in Kulmbach 
t 22.6.1937 in München 
Was kann ein Chronist von den Ganslosern lernen? 
Wer an einer Chronik arbeitet, wird früher oder später von jemand gefragt, wel-
cher denn nun der älteste Verein sei? Bei der Gelegenheit fällt mir dann gleich 
die Geschichte eines Ortes in Württemberg ein, der sein 900-jähriges Bestehen 
hätte feiern können, aber statt dessen lieber sein 150-jähriges Bestehen gefeiert 
hat. Das muß ich kurz erklären. 
1849 wollte der Pfarrer des uralten Ortes Ganslosen (auf der Alb unweit des 
Filstals gelegen) eine Tochter aus vornehmen Stuttgarter Hause heiraten, die um 
der Liebe willen auch bereit war, aufs Land zu ziehen - aber nicht nach Ganslosen, 
denn das war das schwäbische Schilda! Also ging der Pfarrer mit seinem 
Schultheißen zum König, und es wurde die Umbenennung des Dorfes in Auen-
dorf erreicht, worauf der Heirat nichts mehr im Wege  stand  [ 1 10]. 
Auendorf hat also 1999 gefeiert: 150 Jahre. Aber der Ort ist doch über 900 Jah-
re alt, daran ändert eine Namensänderung nichts. Deshalb glaube ich, dass bei 
Herannahen des möglichen 1000-jährigen Jubiläums die Erinnerung an Ganslo-
sen wieder aufleben wird, zumal bis dahin niemand mehr etwas von der frühe-
ren Bedeutung des Ortsnamens wissen wird. 
Man kann also von den Ganslosern dieses lernen: Gründungsdaten müssen fle-
xibel gehandhabt werden! Das ist, wie wir noch sehen werden, für unsere 
Schachvereine von großem Nutzen. 
Die ersten Vereine formieren sich 
Ludwig Bachmann berichtet in seinem oben erwähnten Buch [102] über das 
Schachleben in Deutschland in den Jahren 1835 bis 1860. Dabei wird ausführ- 
lich und mit Partiebeispielen von den großen Zentren wie Berlin, Leipzig und 
Hamburg berichtet, dagegen ist von Süddeutschland wenig die Rede. Von 
Württemberg ist lediglich zu lesen, dass in Stuttgart auch ein Verein existiere. 
Aus der Literatur sind mehrere Fernpartien bekannt, die dieser Verein zwischen 
1850 und 1860 u.a. mit München spielte. 
Wir Schwaben brauchen natürlich nicht zu verzagen: Bachmann wußte  offen-
sichtlich über Norddeutschland besser Bescheid und hat vor allem die Orte be-
trachtet, an denen bekannte Meister gewirkt haben. Für die Geschichte der 
Schachvereine ist aber kein Schachmeister am jeweiligen Ort  erforderlich;  es 
genügt zu wissen, wann sich erstmalig interessierte Menschen um wenigstens 
ein Schachbrett versammelt haben. Das war frühzeitig sicher an Universitäts-
städten  wie Tübingen der Fall, wie wir eingangs gesehen haben, und natürlich 
bei großen Städten wie Stuttgart hinreichend wahrscheinlich. Aber warum sol-
len sich  
nicht auch in  irgendeiner  anderen Stadt Schachinteressierte getroffen 
haben? Wenn diese etwas gemeinsam bewirken wollten - z.B. sich in einem 
Lokal verabreden, oder 
 Fernpartien spielen  
wie die Stuttgarter - dann gab es 
Person(en), die sich um die Organisation gekümmert haben, und es bestand ein 
mehr oder weniger loser Verein. Hier gibt es an allen Orten ein reiches Betäti-
gungsfeld  für interessierte  Schachfreunde, um  in  Archiven der  Lokalpresse o.ä. 
nach Nachrichten über Schach zu suchen. 
Natürlich fragen alle richtigen Vereinsmeier nach einer „richtigen" Vereins- 
gründung mit Gründungsprotokoll usw„ z.B. aus dem Jahr 1902, um dann 2002 
ein „richtiges" 100-jähriges Jubiläum feiern zu können. Wenn man die Sache 
aber so ernst nimmt, dann müßte eigentlich als selbstverständlich gelten, dass 
der Bestand des Vereins über die bewußten 100 Jahre lückenlos belegt werden 
kann, was aber kaum ein Verein bieten kann. Von den württembergischen Verei-
nen fällt mir hier eigentlich nur Schwäbisch Gmünd ein; dort ist es vor allem 
dem langjährigen Wirken von Anton Munz zu verdanken, dass umfangreiche 
Unterlagen über die Vereinsgeschichte ab der Gründung erhalten geblieben sind, 
vgl. Kapitel 6. Bei vielen anderen Vereinsjubiläen ist aber offensichtlich, dass 
der Verein zu manchen Zeiten praktisch nicht existierte , und man um im obigen 
Beispiel zu bleiben, statt dem 100-jährigen Jubiläum (ab Gründung 1902) ei-
gentlich nur das 50-jährige (ab Wiedergründung 1952) feiern dürfte. Man darf 
die meist relativ kleinen Schachvereine nicht mit einem großen Sportverein wie 
etwa dem VfB Stuttgart vergleichen; bei manchem Verein, der in guten Zeiten 
vielleicht 20 Mitglieder hatte, setzte z.B. während der Zeit des zweiten Welt- 
kriegs der Spielbetrieb praktisch aus, und falls dann noch das Vereinslokal samt 
Spielmaterial und Akten einem Bombenangriff zum Opfer fiel und die früheren 
Organisatoren nicht aus dem Krieg zurückkamen, geriet der ganze Verein in 
Vergessenheit. In vielen Orten, in denen heute Vereine mit einem Gründungs-
datum nach dem 2. Weltkrieg existieren, lohnt es sich, etwas Forschung zu be-
treiben: Vielleicht gab es schon Aktivitäten vor dem Krieg, und man kann, wenn 
man den Zusammenhang begriffen hat, ein früheres Gründungsdatum auf die 
Fahne schreiben. 
Auch ein heute angesehener Verein mit über hundertjähriger Geschichte hat 
vielleicht zu irgendeinem Zeitpunkt eine Lücke in der Chronik, weil sich ein-
fach kein Vorstand finden ließ, oder weil die Mitglieder wegen eines Lokalpro-
blems auseinanderliefen. Häufig gab es auch politisch bedingte „Interrupts"; 
wichtiges Beispiel ist die Schließung der Arbeiterschachvereine im Jahr 1933. 
Der Stammbaum der SSF 1 879 e.V. ist ein Beispiel dafür, wie viele Verände-
rungen in einem langen Vereinsleben auftreten können; die Details werden in 
den Kapiteln 3 und 4 klar werden. 
Fazit: Aus der Jahreszahl, die ein Verein seinem Namen beifügt, kann nicht auf 
das ununterbrochene Bestehen bis heute geschlossen werden. Wenn man aber 
akzeptiert, dass es Zeiten geben darf, in denen der Verein praktisch nicht vor-
handen war, dann ist es auch zulässig, die älteste Nachricht über einen Verein 
am Ort als „Gründungs-" Datum zu nehmen. Ein bekanntes Beispiel ergab sich 
Mitte der sechziger Jahre in Solingen: Bis 1964 findet man in den Nachkriegs-
jahrgängen von Engelhardts Schach-Taschenjahrbuch als ältestes Gründungs-
datum eines Solinger Vereins 191 1 angegeben; aber dann wurde die Solinger 
Schachgesellschaft 1 868 formiert! Das hatte den Vorteil, dass nach wenigen 
Jahren ein hundertjähriges Jubiläum zu feiern war, aus dessen Anlaß die End- 
runde der Deutschen Mannschaftsmeisterschaft nach Solingen geholt wurde. 
Der einzige Schönheitsfehler war, dass nicht der Gastgeber Solingen, sondern 
meine „letzten Amateure" der SSF 1907 die DMM 1968 gewannen! Ein anderes 
Beispiel ist, wie mir ein badischer Schachfreund sagte, der Karlsruher SK 1 853: 
Man hat wohl in irgendeinem Nachlass eine Quittung über einen 1 853 bezahlten 
Mitgliedsbeitrag gefunden und dieses Datum dann eingesetzt. 
Da es in Stuttgart ein gesichertes Gründungsdatum 1856 gibt [136], könnte je-
mand den „Stuttgarter Schachfreunden 1 879 e.V.", die 2004 ihr 1 25-jähriges Be-
stehen feiern werden, den Vorschlag machen, sich bald danach in SSF 1856 um-
zutaufen. Dann könnte man 2006 stolze 150 Jahre feiern. Ganslosen läßt grüßen! 

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