Auszüge aus dem Buch Schach in Württemberg von Eberhard Herter. Das Buch ist auch mit freundlicher Genehmigung des Verlags und des Autors zum Download verfügbar.
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Arbeiterschach
 Lebende Schachpartie »Kapital« gegen »Arbeit« 1929. Die Partie ist in der Schachspalte 
»Arbeiterschach« vom 1 .7.1929 abgedruckt. Schwarz (mit dem Schmied als König und der 
Bäuerin als Dame) gewann! 


Das Arbeiterschach und seine Erben 
Das Arbeiterschach wurde 1933 verboten, aber der Stuttgarter Arbeiterverein 
lebte unter anderen Bezeichnungen weiter und wurde nach dem Krieg unter 
dem Namen „Stuttgarter Schachfreunde" zum erfogreichsten württembergi-
schen Verein, wie im vorliegenden Kapitel gezeigt werden soll. 
In den ersten Jahrzehnten war die Verzahnung von Stuttgarter Verein und Ver- 
band mindestens so eng wie beim „bürgerlichen" Schach, so dass wir wie bei 
Kapitel 3 beides im Zusammenhang sehen wollen. 
Die Schachvereine dürfen für sich in Anspruch nehmen, dass bei ihnen Rang- und 
Standesunterschiede von jeher eine weit geringere Rolle gespielt haben als bei 
manchen anderen Vereinen. Schachfreunde, die die Zeit im Eberhardsbau noch 
erlebt haben, wie Meister Theo Schuster, heben besonders hervor, wie damals die 
große Schachgemeinde vom Direktor bis zu den vielen Arbeitslosen einträchtig 
ihrem Spiel huldigten. Kein Mensch wurde gefragt: »Wer bist Du? Woher 
kommst Du?« Und so ist es nach dem zweiten Weltkrieg bis heute geblieben. 
Wir dürfen den Gründern des SC 1 879 getrost unterstellen, dass auch sie - so-
fern überhaupt Bedarf nach einem Gradmesser bestand - allein das Schachspiel 
im Auge hatten. Trotzdem kann man sich vorstellen, dass ein Arbeiter bei tägli-
chen Arbeitszeiten von 12 bis 14 Stunden und kärglichem Lohn einfach nicht 
die Möglichkeit hatte, an dem Clubleben, wie wir es oben skizziert haben, pro-
blemlos teilzunehmen. 
Viele schachinteressierte Arbeiter trafen sich in der 1 887 gegründeten »Schachge-
sellschaft«. Dieser Verein löste sich 1890 wieder auf, also gerade in dem Jahr, in 
dem das Bismarck'sche Sozialistengesetz von 1 878 aufgegeben wurde; wahrschein-
lich deshalb, weil die führenden Männer sich jetzt wieder voll auf ihre Bemühungen 
zur Verbesserung der Situation der Arbeiterklasse konzentrieren konnten [36]. 
Die Erfolge der Gewerkschaftsbewegung stärkten das Selbstvertrauen und verbes-
serten die Situation der Arbeiter und kleinen Angestellten. So kam es nach der Jahr-
hundertwende zur Gründung der ersten Arbeiterschachvereine: 1903 Brandenburg, 
1904 Frankfurt/Main, 1905 München, 1907 Spandau und Stuttgart. Viele weitere 
Gründungen folgten. Am 7. April 1912 wurde in Nürnberg der Deutsche Arbei-
terschachbund gegründet; nach zehn Jahren zählte dieser bereits etwa 150 Vereine 
mit ca. 6000 Mitgliedern [37]. Bei der Auflösung 1933 waren es etwa 14000 [36]. 
Im Gegensatz zu den anderen Teilen dieser Chronik liegt uns über das Arbeiter- 
schach in Stuttgart weit mehr Material vor, als für den vorliegenden Zweck 
ausgewertet werden konnte, u.a. ein Protokollbuch mit der Gründungsurkunde [38]. 
Das Verdienst, diese Unterlagen über die Wirren der Zeit hinweggerettet 
zu haben, gebührt unserem Ehrenmitglied Paul Riedel  (t 1 974). Er trat 1919 in 
den Verein ein und kannte noch die meisten Gründungsmitglieder, z.B. den be-
kannten Problemkomponisten und Autor vieler origineller Beiträge in der Ar-
beiterschachzeitung, Karl Kaiser. Wir benutzen nachstehend unter anderem eine 
Darstellung der Geschichte des Stuttgarter Arbeitervereins, die Riede! nach dem 
2. Weltkrieg niedergeschrieben hat [36]. 
Durch ein Inserat in der Schwäbischen Tagwacht wurden die schachinteressier- 
ten Arbeiter in das Gewerkschaftshaus in der Esslingerstraße gerufen. Am 
6. März 1 907 wurde von 1 5 Mitgliedern der »Stuttgarter Arbeiter  schachclub« 
 
gegründet. In den Vorstand wurden bestellt: 1 . Vors. K. Hüglin, 2. Vors. 
K. Maier, Schriftleiter der Schachspalte in der Schwäb. Tagwacht K. Kaiser, 
Kassierer und Schriftführer P. Melzig, Schachwart 0. Schindler. Der Monats-
beitrag wurde auf 25 Pfg. festgesetzt [38]. 
Bald gab es, wie es sich für einen Schachverein gehört, das erste Lokalproblem, 
und sicher war in dem jungen Verein auch kein Überfluss in der Kasse. Aber für 
beides fand sich eine Lösung, wie wir in der DSZ 1908 lesen [39]: »Arbeiter-
Schachclub ....  mußte sein früheres Sonntagslokal im »Cafd Westend« aufgeben, 
weil seine Tätigkeit bei den Gästen, die sich auch aus höheren Gesellschafts-
kreisen rekrutieren, nicht das richtige Verständnis fand. Ihm gelang es, im 
»Sonnenhof« den besten Ersatz für das frühere Lokal zu finden. In pekuniärer 
Beziehung kam dem Klub ein Berufskollege des Herrn K. Kaiser und Schach-
freund, Herr P. Zinold (?) in Mexiko zu Hilfe, welcher 200 Mark spendete.« Der 
ausgewanderte Klavierarbeiter Paul Zierold versetzte seinen Verein damit in die 
Lage, das notwendige Spielmaterial zu kaufen. 
Viel schwieriger, ja fast unlösbar war ein anderes Problem. Die Auffassungen 
der Mitglieder über die richtige Betonung des Vereinsnamens gingen auseinan-
der: Arbeiterschachklub oder Arbeiterschachklub. Diese Problematik hat auch 
den ganzen Deutschen Arbeiterschachbund stets verfolgt, wie viele Artikel in 
der Arbeiterschachzeitung zeigen. 
In [37] lesen wir: »Der deutsche Arbeiterschachbund in seiner Gesamtheit fühlt 
sich als Teil der großen internationalen proletarischen Bewegung. Er will das 
Instrument sein, dass die Waffe schärft, die geistige Waffe im Klassenkampf des 
Proletariats.« 
Auf Einladung von  0.  Rosenfeld hatte der Vorstand an der Gründung des 
Schwäb. Schachbundes am 23 . 1. 1 9 1 0 teilgenommen. Daraufhin trat ein Teil der 
Mitglieder unter Protest aus und gründete einen neuen Verein, der sich (zur 
Erinnerung an den oben genannten) »Stuttgarter Arbeiterschachgesellschaft« 
nannte. 

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